Ein Füllhorn der Weisheiten

Baumgeschichten aus dem Leben

Große, alte Bäume strahlen eine magisch wirkende Kraft aus. In vielen Kulturen gelten sie heute noch als Sitz von Göttern und Geistern und es wird ihnen eine Seele zugeschrieben. Sie haben eine spirituelle Wirkung auf Umwelt, Mensch und Tier. Ihre Vielfalt sorgt für ein natürliches Gleichgewicht in der Natur und zeigt einmal mehr, dass viel Weisheit und Liebe in ihnen steckt. Neid und Raffgier machen den Menschen blind für die Weisheit der Bäume. Respekt und Achtsamkeit sind die Brücke zum Glück. 

Das Pflanzen von Bäumen wird oft von überlieferten Zeremonien begleitet. Vom Gedeihen eines Baumes, der anlässlich einer Geburt oder einer Hochzeit gepflanzt wurde, verspricht man sich Einfluss auf das Schicksal der betreffenden Menschen. Bäume regen zum Nachdenken an, sie helfen eigenen Verhaltensmustern auf die Spur zu kommen und geben Antworten auf quälende Lebensfragen. Probleme lösen sich, sobald sie erkannt werden und machen den Weg frei zu anhaltendem Glück.

Magdalena Reupold hat die Gabe, die Sprache der Bäume als Botschaften der Seele zu verstehen und auf das tägliche Leben zu übertragen. Sie nutzt die Weisheit, die sie von zweiundfünfzig Bäumen
zugeflüstert bekam, und vermittelt sie in ihren tiefgründigen Geschichten. Wer sie aufmerksam liest, macht sich bereit den Weg des Herzens zu finden, der stets mit Liebe begleitet ist. Ihre Geschichten, sind eine Zusammenfassung des Erfahrungsschatzes ihrer langjährigen Praxis als Heilerin. 

Mit zweiundfünfzig liebevoll gemalten Aquarellen ist dieses Buch ein Kleinod geworden, in dem man in vielen Erkenntnissen die Lebensfreude zurückgewinnt.

Band von „Ein Füllhorn der Weisheiten“

Leseprobe

Pfaffenhütchen

Erkenne die Unwahrheit, dann siehst du den wahren Wert

Die wertlose Frau

Es war einmal eine Frau, sie war gerade mit dem Fahrrad unterwegs in eine andere Stadt. Da sie nicht mehr ganz so jung war, hatte sie einen speziellen Plan, den sie in der Stadt verwirklichen wollte. Sie lebte in der Vorstellung, dass man einen Mann braucht, um die Existenz zu sichern. Sie war auch überzeugt, dass man einem Mann bestimmte Dinge bieten und sein Leben bequem machen muss. ›Dann lässt er mich bleiben, weil ich ihn mit allem was er braucht versorge‹, dachte sie.

Da ihr Marktwert jedoch altersbedingt schon etwas gesunken war, musste sie leider ihre Ansprüche, was den Mann betraf, herunterschrauben. ›Na ja‹, dachte sie, ›vielleicht finde ich ja einen etwas kränklichen Herrn, der auf mich angewiesen ist, dann wird er mich schon aufnehmen. Mit diesem Gedanken fuhr sie also die Feldstraße entlang. Auf dem Gepäckträger des Fahrrades war ihr kleiner Koffer.

Da es sehr heiß war und sie eine Pause machen wollte, kam ihr der Steg über den kleinen Bach gerade recht. Sie stellte ihr Rad ab und setzte sich auf die Bretter, um ein paar Bissen von dem Brot zu essen, das sie sich als Wegzehrung eingepackt hatte. Ihre Gedanken drehten sich weiter. ›Ich werde am besten als Bedienung in einem Gasthaus arbeiten, da habe ich die beste Möglichkeit einen Mann kennenzulernen.‹ Die Hitze war wohl sehr schlimm, denn plötzlich sah sie deutlich eine Frau in dem Spindelstrauch, der am Rand des Baches stand. Mal weinte sie, mal wetterte sie, dann war sie wieder traurig und verzweifelt, aber nie war sie fröhlich. Die Radfahrerin vergaß für geraume Zeit ihr Vorhaben, denn die Frau im Spindelstrauch hatte sie in ihren Bann gezogen. Nun deutete sie ins Wasser, als ob dort etwas zu sehen sei.

Wie in Trance folgte die Radfahrerin dem Wink und sah im Spiegel des Wassers einen Film ablaufen: Männer und Frauen saßen gemeinsam an einem Feuer. Sie waren einfach gekleidet, die Frauen sehr farbenfroh. Eine Musikkapelle begann zu spielen, worauf viele aufstanden und miteinander tanzten. Verschiedene Bäume und Sträucher umgaben den Platz. In bestimmten Abständen verehrten sie einen Baum, um seine Botschaft für das Gleichgewicht allen Lebens zu erhalten. An diesem Tag war der Spindelstrauch der Mittelpunkt.

Das Wesen des Strauches wurde sichtbar, in der Gemeinschaft trat absolute Stille ein und sie vernahmen seine Stimme: »Ich grüße euch, ihr guten Menschen, eine schwere Prüfung steht euch bevor. Es wird ein Mann in euer Dorf kommen. Er wird eine schwarze Mütze tragen, man nennt sie Pfaffenhut, und euch erzählen, dass die Frauen minderwertige, geistlose Wesen seien. Die den Männern die Macht rauben und sie beherrschen wollen. Sie werden sich wie Schlangen des Mannes bemächtigen und ihn zu einem Narren machen. Der Mann mit der schwarzen Mütze wird die Männer zur Obermacht berechtigen und die Frau zu seiner Dienerin. Es sei Gottes Gesetz, wird er sagen. Wer sich nicht daran hält, schadet der Allgemeinheit und wird bestraft. Er wird euch auffordern, eure Frauen zu bewachen und ihnen keine Eigenmächtigkeiten zu erlauben.«

Dann verschwand das Wesen des Spindelstrauches und die Menschen waren sprachlos und betroffen. Sie begannen zu streiten. Die einen meinten die Prüfung bestünde darin, sich nicht danach zu richten und die anderen waren der Überzeugung, sich daran halten zu müssen. Und wenn sie darüber nachdachten, dann fanden die Männer der Gemeinschaft auch Beweise, dass die Frauen sie beherrschen wollten. »Ja, ich erkenne die Aufgabe. Ich muss der Herr sein, sonst bin ich ihr Hanswurst.«

Und so geschah es, der Mann mit dem Pfaffenhut kam. Er übernahm den Vorsitz und die Mehrheit wollte das Gesetz zur Entwürdigung der Frau. Für Andersgläubige wurden einschüchternde Methoden beschlossen. Die Frauen legten ihre bunten Kleider ab, ebenso ihre eigene Meinung, ihre Weisheit, ihren Willen und fügten sich dem Gesetz. Die Männer hatten nun Narrenfreiheit und benahmen sich auch so. Sie maßen ihre Kräfte, ersannen sinnlose Kriegsspiele, beherrschten, besaßen und unterdrückten: alles war nun möglich. Frauen waren eine Ware, eine Sache, die man verkaufen, wegwerfen oder auch vernichten durfte. Und der Herr mit dem Pfaffenhut gab auch noch den Segen dazu.

Nun wurde in dem Wasserspiegel eine Frau sichtbar, die schlurfte in Lumpen gekleidet mit einem kleinen Mädchen, das ihr am Lumpenrock hing, eine staubige Straße entlang. Sie hatte dennoch ein Ziel. Sie wollte zur Klippe um ihr elendes Leben zu beenden und das Kind würde dann wohl hinterherstürzen. Da schrie die Radfahrerin: »Halt! Es ist nicht wahr, dass Frauen nichts wert sind. Die Prüfung war, es nicht zu glauben und in Ehre und Würde zusammen zu leben.«

Da war das Wasserspiegelbild weg. Aber die Frau im Spindelstrauch war noch da und sagte: »Wenn du deinen Wert erkennst, musst du nicht als Bettlerin Männer bedienen, um eine Existenz zu haben. Erkenne dich selbst als wertvolles Geschöpf und befreie deinen Geist von dem Pfaffenhut, der dir deine Herrlichkeit und Freiheit nimmt. Mann und Frau verhalten sich zueinander wie Apfel und Geschmack. Eines ohne das andere ist wertlos.

Sei einfach du selbst mit deinen Freuden, Talenten und Gelüsten. Ihr macht aus dem Mann keinen Narren, sondern ein beglücktes Wesen. Er liebt, was ihn liebt.«
Da wagte die Radfahrerin die Spindelfrau zu fragen: »Wieso sagen alle, du seist giftig?«
Weil ich die Wahrheit hervorhole und da wird es manchem schwindelig und schlecht.«
Als die Radfahrerin aus ihrer Trance erwachte, schüttelte sie den Kopf und wischte sich über die Augen: ›Was war denn das? Beginne ich nun schon am helllichten Tag zu spinnen?‹.

Sie stand auf, setzte sich aufs Rad und wusste, dass sie eine flinke, gute Bedienung sein wird und gerne unter Menschen ist. Darauf freute sie sich jetzt.

Alles Weitere wird sich finden.

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